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Heute wird die zweite Ausgabe von Das Räkel – Das Gigpösterzeitung in Hamburg beim Flatstock vorgestellt, mittlerweile quasi so etwas wie das Verlautbarungsorgan der Posterkrauts. Auf 48 Seiten werden – neben einem Roundtablegespräch über den Stand der Dinge in Sachen Gigposter im deutschsprachigen Raum – folgende Artists jeweils per Doppelseite mit vielen Posterabbildungen präsentiert:

Comet Substance
Douze
Stefan Fähler
Fritte
Fuzzzgun
Götzilla
Michael Hacker
Grace Helly
Kopfüber
Simon Marchner
Mitchum D. A.
Rainbow
Señor Burns
Damien Tran
Mario Turiaux
Carlo Vivary
Zum Heimathafen

 

Die Zeitung wird es bei jeder Postershow geben, bei der Posterkrauts anwesend sind.
Sie kann auch per Mail bestellt werden, für 2 € + Porto bei:
raekel@mitchum.de

Als Zusatzschmankerl gibt es hier das uneditierte und -redigierte Roundtablegespräch in seiner vollen epischen Breite, mit allen Schenkelklopfern, Insidejokes und orthografisch freien Auslegungen:

 

Das Räkel #2 Roundtable

mit

Götzilla (Antighost)
Michael Hacker
Alex Hanke (Zum Heimathafen)
Hannes Hirche (Rainbow)
Bernie Hofmann (Señor Burns)
Ron Hunger (Comet Substance)
Torsten Jahnke (Mitchum D. A.)
Lars P. Krause (Douze)
Mario Turiaux (Fancy Art Club)
Antje Schröder

 

Was hat sich seit der ersten Ausgabe des Räkel Magazins (also seit 2011) für Dich als Gigposter-Artist geändert? Was waren die Highlights – (im Siebdruckbusiness, gern auch privat)?

Torsten: Was Gigposter betrifft, so ziemlich alles: Hab endlich angefangen, selbst zu drucken, und dadurch meinen Output verzehnfacht (was nicht besonders schwierig war).
Bin sehr froh, dass wir in Hamburg eine sehr unterstützende Crew am Start haben.
Hab mit Fritte einen kongenialen Partner in Crime.
Hab längerfristige »Geschäftsbeziehungen« zu einigen Bands aufbauen können.
Hätte mir vor 3 Jahren weder träumen lassen, je mal ein Gigposter für die Sonics zu machen, geschweige denn für die Swans.
Bin seit diesem Jahr für die Organisation des Flatstocks in Hamburg zuständig.
Mit anderen Worten: Gigposters, I like!

Michael: Erstmals 1000… ach was, 666 Dank an Torsten für die Organisation des diesjährigen Flatstocks! Eines meiner persönlichen Highlights bezüglich Gigposter war sicherlich die Teilnahme an (mittlerweile drei) Flatstock Conventions in den USA. 2013 ging’s erstmals zum SXSW nach Austin und dann im Sommer zum Pitchfork Music Festival nach Chicago. Dort entstand gemeinsam mit Shawn Knight ein sehr spontanes Gigposter für ein The Melvins Konzert am darauffolgenden Wochenende in Detroit. Meinen Teil der Illustration habe ich übrigens an meinem Posterstand gezeichnet. Und ein weiterer, sehr unterhaltsamer Höhepunkt war die temporäre Posterkrauts-WG beim diesjährigen Flatstock in Barcelona. Unmenschliche Arbeitszeiten bis fünf Uhr früh wurden mit gemeinsamen Sonnenaufgängen und lauwarmem Moritz am Balkon entschädigt.

Götzilla: Bei mir ist die Situation ähnlich wie bei Torsten. Ich habe schon seit mehreren Jahren sporadisch in einer Werkstatt, in die ich mich einmieten konnte gedruckt. Ende letzten Jahres habe ich mir dann einen langen Traum erfüllt und mit einem Freund die ANTIGHOST Siebdruck Werkstatt eröffnet. Das alles ist noch in der kreativen Bastel-Aufbauphase und viel Try & Error, aber wir hoffen unseren Output im nächsten Jahr drastisch zu erhöhen. Also ebenfalls: Gigposters, I like auch!

Lars P. : Na Torsten, wir sind alle gespannt wie das mit dir als einem von uns mitten im Auge des Flatstock-Wirbelsturms so funktionieren wird. Erstmals einen inbedded Posterkraut – das wird diese Hamburger Flatstock endlich in ein neues Level heben – die Latte liegt hoch… Ja, Michael, Barcelona war sooo schoen… endlich sind wir uns auch menschlich etwas naeher gekommen. Ich denke schonwieder ueber einen Umzug mit meiner Werkstatt nach, mein Platz ist mir immer als erstes viel zu knapp berechnet.

Torsten: Bin auch sehr gespannt. Wir haben ein gewohnt spitzenmässiges Lineup, sind zurück am alten Platz und haben diesmal im Vorfeld richtig die Werbetrommel gerührt. Außerdem können sich alle aufs Posterverkaufen konzentrieren, da die Esso Tanke nicht mehr ist. Michael, ich hoffe, das lauwarme Moritz findet seinen Weg auf das nächste Flatstock Barcelona Poster.

Lars: Ohne ESSO Tanke?… ach, das hab ich ganz vergessen. nee, da komm ich nicht.

Alex: Ha, da sprechen die alten Herren – abgesehen von dir Michi – ich bin ja ein derartiges Kücken, dass ich quasi Postertechnisch noch nicht mal auf der Welt war zum erscheinen des ersten Räkels. Für mich ist daher alles neu in diesem Gigposter Flozirkus und alles irgendwie ein Highlight, aber die Reise in diesem Jahr nach Barcelona steht auf jeden fall ganz oben, mmh warmer Moritz, da komm ich in schwelgen.

Torsten: Aber echt, die alten Herren. Ein Nachwuchsproblem sehe ich glücklicherweise nicht, es kommen immer wieder junge Gestalter nach, die tolle Sachen machen (nicht zuletzt um den Nachwuchs anzufixen machen wir ja so etwas wie Das Räkel), aber das Herrenproblem, das leidige…Gigposter sind leider weiterhin vornehmlich ein Boysclub. Wie zum Beweis haben wir mit Antje auch nur eine Posterkrautin dabei, die zwar den Typen seit Jahren zeigt, wo Bartel den Räkel hängen hat, aber ansonsten allein auf weiter Flur ist. Ist das ein deutsches Problem? Holland hat mit Mara, Mirjam und Kunny immerhin 3 ziemliche Stars am Start und in den USA ist die Quote auch deutlich besser. Wie kommts?

Bernie (Señor Burns): Servus Kollegen. Wow, echt schon drei Jahre seit RÄKEL #1…? Insofern: Spitze, dass wir überhaupt noch da sind und weitergemacht haben! Ausgabe #2 ist somit ein gutes Statement. Ich find’s erstmal gut, dass Torsten jetzt auch selber druckt, damit hat er ja mal gerade so die Kurve gekriegt, um sich nicht selbst zu disqualifizieren, Gigposter artist mäßig… Für mich persönlich hat sich alles positiv entwickelt: schönere Poster, größeres Publikum und etliche musikalische “all-time-favourites” konnte ich auf Gigpostern verewigen – SUPERCHUNK, QUICKSAND und immer wieder THE NOTWIST. Und dass wir uns über das Jahr verteilt auf diversen Postershows in Barcelona, Hamburg, Dresden und an der Ostsee treffen können hat auch große Qualität.

Torsten: Was war noch an der Ostsee?

Bernie: Rolling Stone Weekender am Weißenhäuser Strand, dieses Jahr zum dritten Mal mit Postershow im Rahmenprogramm – solltest Du dir echt mal anschauen, Torsten.

Torsten: Richtig, das Ü50+ Festival mit Heizdeckenverkauf…

Bernie: …soweit bist Du da ja nicht mehr von entfernt. Du gehörst quasi zur Zielgruppe. Aber im Ernst: die Situation vor Ort ist toll! Entspannte Atmosphäre, okayes Programm, nette Leute mit dem nötigen Kleingeld im Portemonnaie um kurz vor Weihnachten die Gigposter Künstler glücklich zu machen.

Antje: Ich bin ja fast so ein Küken wie Alex (und fühle mich trotzdem auf Ü50 Festivals wohl) und bin zum Flatstock Hamburg 2011 das erste mal dazu gestossen, als das erste Räkel gedruckt war. Gigposter hab ich zwar schon 4 Jahre länger gemacht aber ich hab mich nicht in Höhle der Löwen getraut, am Ende hat Lars mich überzeugt. Trotz löwenartiger Kater und bis heute nicht ausgeglichenes Schlafdefizit bereue ich nichts und freue mich, wie Ihr mich damals mit aufgenommen habt. Ansonsten kann ich mich allen anschliessen. Jedes Wiedersehen, ob Hamburg, Dresden, Barcelona, Ostsee (und ich bin gespannt auf Leipzig) ist ein Highlight.

Lars: Oh ja, Leipzig…das wird ne heiße Nummer. Viele Grafik- und Druckaffine Leute. Hier auch gleich noch einen Dank an die Jungs von RAINBOW eingeschoben, die unserem ersten Colored Gigs Exile ein adäquates Asyl bieten werden.

Hannes: Ganz genau Lars, der Regenbogen spannt sich von Hamburg bis nach Leipzig und wie ihr ja alle wisst findet jeder am Ende seinen Topf voll Gold. Spaß bei Seite, ob das passiert wissen wir natürlich nicht aber die Vorraussetzungen sind top! Wir freuen uns riesig auf euch alle und ich bin mir sicher das dieser Abend das Zeug zur Legende hat.

Bernie: Und München setzen wir ja vielleicht auch nochmal mit auf die Karte… womöglich schon 2015?

Torsten: Oida!

Bernie: Es gab ja 2010 und 2012 mit den SQUEEGEE-Shows (zum gleichnamigen Buchkatalog) im Feierwerk Farbenladen schon zwei ernstzunehmende Anläufe und beide wurden auch gut angenommen. Das Publikum ist im Süden einfach etwas schwerfälliger.

Lars: Ich denke auch, in München ist die letzte Messe noch nicht gesungen. Da sollten wir vielleicht über eine Umstrukturierung nachdenken… statt der winzigen Rock’n’Roll Schuppen der ersten Stunde (Art of Modern Rock Show) sollte man vielleicht die großen Deals mit dem Hofbräuhaus anpeilen – damit hätten wir doch einen angemessenen ESSO-Ersatz

Carlo: Hey Krauts! Ich würde mich ja auch eher zu den Kücken zählen. Nicht nur, dass ich erst vor zwei Jahren meinen ersten Druck abgeliefert habe, der ein oder andere hier, könnte wahrscheinlich mein Erzeuger sein!?
Letztes Jahr zum ersten mal bei den Colored Gigs als Aussteller und dieses Jahr zum ersten mal Flatstock in Hamburg, danach Leipzig und wieder Dresden… That’s sounds like Highlight!

 

Wohin geht die Reise im Posterkrauts-Einzugsgebiet? (Was denkst Du: Etabliert sich die Gigposter-Art auch im deutschsprachigen Raum (weiter) oder sinkt das Interesse gar aufgrund der komplizierter werdenden Lage im Bereich Rechteverwerter/Gig-Acquise…?)

An die Flatstock-Teilnehmer unter euch: Habt ihr den Eindruck, der Markt ist gesättigt? Stagnieren die Verkäufe? In Hamburg? In Barcelona? Was ist mit den kleineren Posterfestivals wie Colored Gigs?

Torsten: Grundsätzlich scheint mir die Kurve noch nach oben zu gehen, wenn ich mir die Merch-Stände der letzten Konzerte ansehe, auf denen ich war. Nach wie vor gilt: »You can’t put your arms around a mp3«, da übernimmt das Gigposter gerne mal die Aufgabe des Plattencovers.

Michael: Die letzten Jahre konnte ich auf unterschiedlichen Posterausstellungen und -festivals beobachten, dass immer weniger Besucher nachfragen, was denn ein Gigposter überhaupt ist und wieso es mehr kostet als ein herkömmliches Ankündigungsplakat. Das lässt zumindest darauf schließen, dass sich Gigposter hierzulande zunehmend als eigene Kunstform etablieren, jedoch gibt es im Gegensatz zu den USA in unseren Breitengraden jedoch noch viel weniger Sammler.

Götzilla: Das kann ich schwer beantworten, zum Einen, weil ich in den letzten Jahren hauptsächlich mit relativ eng befreundeten Bands zusammen gearbeitet habe und zum Anderen da ich aufgrund meines relativ geringen Siebdruck-Outputs nicht an Ausstellungen teil genommen habe, zumindest nicht persönlich, meine Poster waren dank der Posterkrauts-Connection doch auf einigen zu sehen, auch auf dem Flatstock hier – Danke hierfür!

Lars: Man trifft nicht nur in Deutschland immer noch Leute, die noch nie was von Gigpostern gehört – geschweige denn gesehen haben… also eigentlich ist noch reichlich Luft nach oben. Allerdings stelle ich wirklich fest, dass szeneferne Lutscher ploetzlich auch den Gigpostermarkt fuer sich abstecken wollen.. Macht auch wenig Spass mit denen zu verhandeln. Wenn sich diese Spirale nicht aufhalten laesst, und meine Beobachtungen aus anderen Bereichen lassen leider darauf schliessen, wird das Gigposter so wie wir es kennen verschwinden. Die Bands haben oft nicht mehr viel mitzusprechen…
Die Posteraffine Crowd in den Flatstock-Staedten Amerikas hat einfach alle Wände voll! und unter dem Bett ist auch kein Platz mehr. Da kannst du denen die schicksten Drucke von den heissesten Bands der Tage unter die Nase reiben, da zuckt sich nicht mehr viel…  Aber es gibt soviele Spots wo Gigposter mehr als willkommen sind, beispielsweise haben Norweger langsam lange genug auf ihre Wikingerposter geguckt und freuen sich ueber unsere Interpretationen in Farbe wie mein Sohn ueber Traktoren im Blickfeld. Wir sollten nicht aufhören, attraktive Orte/Festivals für unsere Postershows zu suchen.

Bernie: Das hieße dann aber lediglich Rückkehr zum guten alten, deutschen 08/15-Offset-Bandfoto-Photoshop Plakat. Das stehen wir durch.

Alex: Ich schließe mich dir an Torsten, da doch in gewisser Weise vieles im musikalischen Kosmos digitaler wird, erlangt das Poster als Devotionalie einen immer größeren Stellenwert. Zumindest hier in Deutschland, da es diese langjährige Posterkultur aus dem nordamerikanischen Raum nicht gibt. Aber auch hier müssen wir mit noch viel Pionierarbeit rechnen, ich erinnere mich gerade an die Ausstellung die Señor Burns letztes Jahr in München organisiert hatte und wir wirklich jedem Gast erklären mussten was wir da machen. Manche Leute hatten scheinbar Angst näher zu kommen, dabei hatten wir noch nicht mal Plakate von Michael dabei. Wie es jetzt in den USA aussieht weiß ich nicht, aber ich hörte es stagniert wohl etwas, zumindest was das Kaufverhalten angeht.

Michael: Von welchem Michael hattet ihr keine Poster dabei? Jackson? George? Gira?

Torsten: Michael Michael Motorhaecksler!

Bernie: Ich bin bei Torsten und Michael: die Akzeptanz ist größer geworden, ebenso das Verständnis und die Wertschätzung. Sowohl von den Bands und Veranstaltern als auch vom Publikum. Hab ich vor fünf Jahren noch mit Müh und Not fünf Poster für maximal 10.- € auf ‘ner RED SPAROWES-Show verkaufen können, sind es heute gerne 10-25 Poster an einem Abend für 12.- oder 15.- €. Uns in die Hände spielt das Durchschnittsalter des Konzertgängers: ab mitte Dreißig braucht man immer weniger Bandshirts und hängt sich lieber ein hübsches Kunstwerk in die Bude oder ins Büro. Ich denk mal, bei uns geht da schon noch was. Allerdings hab ich für mich festgestellt, dass ich mich lieber auf den “heimischen Markt” konzentriere, also gerade auch mit lokalen/nationalen Musikern arbeite. Mein Ausflug zum FLATSTOCK in Chicago letztes Jahr hat mir zum einen gezeigt, dass die amerikanischen Künstler selbst so präsent sind, dass es schwerer ist dort Fuß zu fassen. Zum anderen ist das Gigposter-Ding dort doch schon ein paar Jahre länger am Rollen und so ne leichte Sättigung hatte ich schon den Eindruck wahrzunehmen.

Antje: Ich bin da auch optimistisch. Seit 15 Jahren arbeite ich ja direkt mit Plattenfirmen, Booking Agenturen, Veranstaltern und deutschen Bands zusammen – soll heissen, ich mache da den eher “normalen” Grafikjob und sehe auf die letzten Jahre zurückblickend eine grosse Entwicklung – gerade auch innerhalb dieses Orbits. Durch das Flatstock in Hamburg kamen ja solche Sachen wie das Rolling Stone Weekender erst zustande und ich mache (ich würde auch vermuten dadurch) auch für viele andere Festival Siebdrucke, wie das Orange Blossom oder Haldern Pop, die genau das richtige Publikum dafür haben. Anfangs habe ich auch eher für befreundete deutsche Bands Poster gemacht und auch das hat seine Kreise gezogen und die Leute haben immer mehr verstanden, worum es geht. Auch die Plattenfirmen wollen bei passenden Themen gerne mal Siebdrucke haben, wenn sie etwas ganz besonderes zu einem neuen Album machen wollen.

Bernie: Da ist Dein Einblick auch für uns nochmal ganz spannend, Antje. Wie das eben intern von größeren Firmen oder Veranstaltern wahrgenommen und vielleicht sogar unterstützt wird.

Antje: In grossen Firmen sitzen ja glücklicherweise auch ein paar Menschen, die Ahnung von Musik haben und das Wesentliche dabei, sowie die Liebe dazu nicht vergessen :-)

Lars: Nur das sich da Leute einfach dazwischenklinken.

Bernie: Du sprichst beispielsweise von Grafikern die maskiert den Markt mit unauthorisierten Bandplakaten überschwemmen?

Torsten: Haha, nein, tut er nicht. Er hat eher Probleme mit »szenefremden Lutschern«. Erklär das doch nochmal genauer!

Lars: In der noch gar nicht sooo langen Zeit, seitdem ich Gigposter künstlerisch gestalte, haben sich da einige Zuständigkeiten verschoben: Früher hat ein Konzertveranstalter in Berlin oder Dresden oder sonstwo einen Gig gebucht, das Interesse an einem Gigposter mit der Band geklärt und dann einfach bei mir angefragt, ob ich ein Poster zu dem Gig machen will. Dann konnte ich mich künstlerisch austoben, die Band bekam einen Teil der Auflage und es gab nie Knatsch. Seit einiger Zeit ist daraus eine Kette von Zuständigkeiten geworden und solange da irgendeiner der Meinung ist, dass das nicht legitim ist, kann sich das richtig aufbauschen. Dabei war es nicht selten so, dass die jeweilige Band immer superzufrieden mit meinen Plakaten war. Wenn aber plötzlich irgendwelche »szenefremden Lutscher« Rechte auf den Merch und alles Drumherum beanspruchen, kann weder ich noch die Band da was einwenden.

Antje: Für mich persönlich ist es zum Beispiel auch eine der grossen Herausforderungen dabei, etwas zu gestalten, was dem Künstler gefällt – entsprechend wichtig ist mir dann auch die direkte Freigabe, sonst würde ich das Poster auch nicht machen wollen. Ich habe aber auch schon so blöde Reaktionen von Seiten Band oder Management erlebt, dass mir die Lust auf das Poster echt vergangen ist.

Bernie: Naja, aber das sind ja doch eher die Ausnahmen, oder? Hab ich auch erlebt und dann macht man einfach einen Strich drunter. Wir sind ja keine Vertreter die verfilzte Fußmatten verhökern. Man hängt sich ja doch für jede Arbeit mit Herzblut rein und wenn das nicht gefällt, dann liegt das eher an deren mangelnden Verständnis.

Antje: Ja, zum Glück sind das Ausnahmen. Und je länger man dabei ist und bleibt, desto schneller wird natürlich der Strich drunter gemacht.

Michael: Ich habe auch schon die eine oder andere Absage für ein bereits druckfertiges Poster bekommen. Ärgerlich, aber für mich ist es essentiell, dass meine Gigposter von der Band bzw. deren Management abgesegnet werden. Und nach wie vor sind viele KonsumentInnen erstaunt, wenn ich ihnen erkläre, dass meine Gigposter offiziell für die Band entstanden sind. In diesem Bereich herrscht meiner Meinung noch Aufklärungsbedarf. U. a. auch um Posterkrauts-Plakate von fiktiven Bootleg- und Fanpostern klar zu trennen.

Bernie: Oder eben nicht nur abgesegnet, sondern dass im Idealfall eine Zusammenarbeit mit Wohlwollen einer Band oder sogar in deren Auftrag zu Stande kommt. Dass die Band tatsächlich hinter der Gigposter-Idee steht, das vertritt und da auch eine gegenseitige, künstlerische Wertschätzung stattfindet.

Alex: Denn irgendwie sind wir ja doch diese Vertreter, da man ja schon immer wieder vorstellig wird bei der Band oder dem Management und höflich anklopft ob man denn nicht mal ein Poster gestalten dürfte. Wenn sich das etwas ändern würde und man es, wie du schon sagst, in deren Auftrag macht, dann hätten wir tatsächlich schon viel erreicht.

Carlo: Ich finde es sehr spannend, dass mal aus der Perspektive der anderen Krauts zu hören. Ich habe auch den Eindruck, dass es noch viel Aufklärungsbedarf gibt. Gigposter sind hierzulande immer noch eine ziemlich kleine Sparte. Aber allein daran, dass immer neue Posterkünstler dazu kommen, zeigt das Potenzial!

 

Habt ihr den Eindruck, auf Seiten der Bands bzw. deren Managements ist das Bewusstsein für die Möglichkeiten von Gigpostern gestiegen?

Torsten: Definitiv. Ein Beispiel aus der letzten Zeit: Ich hatte für die Frühjahrstour von WhoMadeWho eine Kleinstauflage produziert, als Testballon, ob deren Fans Interesse an Gigpostern hätten. Sie hatten. Für die Herbsttour kommen wir jetzt mit einem neuen Poster und 300er Auflage raus.

Götzilla: Grundsätzlich denke ich schon, wobei ich auch merke dass in meinem Umfeld bestimmte Bands bzw. deren Fans eher für Siebdruck-Plakate prädestiniert sind als Andere. Damit meine ich dass es Bands gibt, deren Merchstand schon bald einer Modeboutique ähnelt, die verkaufen einfach viele Shirts und so. Das Punker-Publikum da überlegt sich das schon gut ob sie 15,- / 20,- EUR für ein Poster ausgeben.

Mario: Da kann ich nicht mitreden. Die meisten Poster mache ich ungefragt für Konzerte die ich selber oder Freunde buchen. Die Bands fanden das dann in vielen Fällen schön, Manager haben mich aber noch nicht beauftragt.

Bernie: Ich denke auch, ja. Für die einheimischen Veranstalter/Agenturen/Manager ist das ganze Gigposter-Ding immer noch nicht ganz nachvollziehbar, aber gerade Bands oder eben deren Fürsprecher aus Übersee kennen die Szene und das Metier von Zuhause. Die waren nur bisher eher skeptisch, ob es bei uns auch angenommen wird, was aber definitiv zunehmend besser wird. Außerdem gibt es schon auch ein paar Veranstalter, die Gigposter schätzen und extra Plakate bei dem ein oder anderen von uns in Auftrag geben, wie das Feierwerk und der Milla-Club in München oder der Alte Schlachthof in Lingen.

Antje: Das sehe ich genau so wie Bernie. Manchmal bin ich ganz erstaunt, wie unkompliziert es mit Überseekontakten funktioniert, obwohl man denkt, das wird jetzt schwierig. Kann natürlich auch anders sein. Jede Erfahrung ist dabei. Aber das Bewusstsein der Bands hier ist deutlich ausgeprägter. Alles was ich in Planung und gerade gemacht habe ist bis auf ganz ganz wenig Ausnahmen für deutsche Bands oder Festivals und ich musste niemandem was erklären. Das ist ja schon mal ganz gut, oder?

Hannes: Wenn die Bands Erfahrung haben mit Posterverkäufen auf Konzerten dann sind sie ja ohnehin aufgeklärt, dann entscheidet auch einfach deine Gestaltung über den Erfolg des Verkaufs. Für Bands die nicht aus der Metal-, Grunge-, Noise-, Punk- oder Indieszene kommen ist das nach wie vor schwierig nach zu vollziehen warum ein Poster jetzt so viel Geld kosten soll. Allerdings hängt das ja nun auch stark vom Bekanntheitsgrad der Band ab. Denn die kostet dann ein Designer und so hässlicher Offsetprint in den meisten Fällen sogar noch mehr als wir mit unseren bescheiden Gehältern.

Bernie: Klar, ein gewisser Bekanntheitsgrad der Band bzw. mehr als 100 Zuschauer auf ner Show plus ansprechende Plakatgestaltung sind schon mal Grundvorraussetzung. Und was die Musikstile angeht hab ich schon festgestellt, dass man zum Beispiel im Bereich Hip-Hop ganz schwer ‘nen Fuß auf den Boden bekommt, da ticken die Fans einfach anders, das ist scheinbar (bisher) nicht so deren Style.

Götzilla: Das mit Hip-Hop ist interessant Bernie, mein Deichkind Poster von vor gefühlt 100 Jahren war auf dem Konzert in Heidelberg innerhalb von 15 Minuten ausverkauft, das war aber auch meine Sternstunde irgendwie, ich stand neben dem Merchstand und habe mich unterhalten und die Fans haben die Teile gekauft, das ging Zack Zack Zack. Michael hat ja auch schon ein Deichkind Poster gemacht, wie war das da? Vielleicht ist Deichkind aber auch nicht der 08/15 Hiphop, wer weiß.

Torsten: Deickind ist Deichkind. Aber klassischer HipHop und Gigposter ist ein schwieriges Terrain. Es sei denn, die Posterartists kommen aus der Grafitti-Ecke, wie Bobby Dixon oder 123 klan.

Ron: Ich denke nicht das es Genere abhängig ist. Das klassische Rockposter wurde auch durch ein breitflächige Stilpalette ergänzt. Eine neue Generation ist da. Ähnlich wie sich die Musikgenres auch miteinander verschmelzen. Und Hip Hop muss nicht gleich in die Grafitti Ecke eingeordnet werden.

Torsten: Aber die Backpacker, die sich den Abend zu dritt an einer Cola festhalten, die kaufen keine Poster, haha.

Bernie: So gesehen wohl doch eher ne Alters- als eine Genrefrage: das jüngere Publikum von 15 bis anfang 20 dreht den Euro einmal öfter um und kauft dann doch lieber noch ein Getränk oder ein Shirt. Es sind dann lustigerweise auch tatsächlich viele Eltern, die bei mir auf der Matte standen um für ihren Nachwuchs noch ein CRO- oder FRITTENBUDE-Plakat zu kaufen und nicht die Kids selbst…

Götzilla: Die Backpacker und Hundefreunde die sich zu dritt an ihrem Bier und einer Flasche Korn festhalten aber auch nicht. Die kaufen meiner Erfahrung nach T-Shirts.

Ron: Hatte letztens ein Anfrage von einer bekannten Band für das Hallenstadion in Zurich ein Poster zu machen. Also mal was grösseres. Das Management aus den USA hat da glaub ich für jedes Konzert der Europa Tour ein Plakatkünstler angefragt. Da dachte ich ah, jetzt aber! Leider wollten die aber ein ganz ganz miesen Deal abziehen. Erstens wollten sie es in den USA drucken lassen, dann verkaufen sie es selber an dem Merchstand und kassierten den ganzen Betrag ein. Für mich würde es dann ein guten Batzen von umgerechnet 100EUR geben und ein paar Prints für mich. Ist ja eine Ehre für eine grössere Band ein Poster zu machen. Thanks but no thanks! Ich denke die wissen das sich Rockposter nun auch in Europa an Konzerten gut verkaufen lassen. Bin da nun eher misstrauisch zu dem Markt.

Torsten: Den Abrechnungsmodus kannte ich noch gar nicht. Entzückend. Ansonsten läuft es ja entweder so, dass man komplett in Vorleistung tritt, also selbst druckt, alles bezahlt (Papier, Farbe) und die Band bekommt dann einen Teil der Auflage. Am Konzertabend behält man die Einnahmen des Posterverkaufs (oder auch nicht), und ansonsten muss man zusehen, dass man durch Abverkäufe im eigenen Webshop oder auf Posterfestivals das Geld wieder reinbekommt. Oder man macht einen Stückpreis mit der Band ab und die kaufen einem einen Teil der Auflage im Vorfeld ab. Hierbei behält man dann einen kleineren Teil der Auflage zum Selbstverkauf. Deshalb glaube ich auch, dass wir bis auf weiteres sicher sind vor feindlichen Übernahmen durch Szenefremde. Es bleibt nämlich alles in allem ein mühsames Geschäft, mit viel Vorleistung und Idealismus, also nichts, womit größere Agenturen handeln. Aber Lars hat da wohl andere Erfahrungen gemacht?!

Den Sermon gebe ich auch gerne den Pappnasen mit auf den Weg, die sich gerade für 15€ ein The Who Bootleg T-Shirt gekauft haben und dann bei uns am Stand rumnölen, warum die Poster so teuer wären.

Alex: Vielleicht sollten wir mal ein Poster machen, welches den Leuten den ganzen Prozess verdeutlicht und da rede ich nicht nur vom drucken alleine. Da kann man dann draufzeigen und zuschauen wie den Leuten die Kinnladen entgleitet, wie aufwendig das eigentlich ist.

Bernie: Du meinst, wir sollten Zuschauer neben den Drucktisch stellen, vierzehn Stunden lang und sie dabei filmen wie sie uns zuschauen, wie wir unermüdlich Blut, Schweiß und Tränen auf Holzfasern drücken? Bin ich dabei!

 

Muß noch mehr Aufmerksamkeit für Gigposter generiert werden? Pressearbeit? Verbandsarbeit? Mehr Ausstellungen/Shows?

Torsten: Mehr Aufmerksamkeit ist immer gut. Dbzgl. stehen wir mit dem Räkel #2, posterkrauts.de, und dem Flatstock und Colored Gigs ganz gut da. Nicht genug Shows? Dann selbst welche auf die Beine stellen!

Michael: Ich schließe mich Torsten an, Ausstellungen tragen natürlich wesentlich zur Bekanntheit bei. In Österreich wurde vor kurzem das sog. Poster Hulla Baloo mit Shows in Wien und Linz ins Leben gerufen. Auch Websites und Blogs wie z.B. gigposters.com, omgposters.com, schniekeposter.de oder insidetherockposterframe.blogspot.com helfen dabei, Gigposter mehr ins Rampenlicht zur rücken.

Lars: Mensch und ich hab im Moment tatsachlich den Eindruck, dass ausser diesen ganzen Social Networks nicht mehr viel passiert. So geniale Seiten wie gigposters.com kacken zu Resterampen ab, bei denen man sich vorkommt wie der letzte Reisende in einer Wartehalle zwei Uhr nachts…in der Provinz. Ein paar Blogger halten dem noch Stand, danke an Gary von insidetherockposterframe.blogspot.com und einige Andere, aber leben koennen die alle nicht mehr nur von dem was sie da tun. Ausstellungen und Shows – da seh ich die Zukunft. Und wir Krauts sind da ja aufm guten weg, oder?

Götzilla: Immer! Ja! Ich denke es wäre auch mal wichtig dass die Leute verstehen wie aufwändig alleine das Drucken der Plakate ist, und natürlich wie wertig das Ergebnis. Von der Illustrationsarbeit will ich jetzt mal gar nicht reden. Michael erkennt da ja aber einen positiven Trend, also mache ich mir keine Sorgen, hahaha!

Mario: Sowas kann man, denke ich, nicht erzwingen. Es gibt ja schon in den letzten Jahren immer mehr Interessenten – und die wissen dann auch, wieviel Arbeit bzw. Leidenschaft dahinter steckt. Wird das Gigposter in ungesundem Tempo zu einem Phänomen wie in den Staaten aufgeblasen, habe ich Sorge, das das ganze einen kurzen Trend erlebt und genauso schnell wieder in der Versenkung verschwindet. Wird aber “einfach” ein hohes Qualitätsniveau gehalten, führt das sicherlich zu nachhaltigerer Aufmerksamkeit.

Bernie: Ich denke das ist der Punkt, warum dann auch schneller die Übersättigung erreicht ist. Mach das zum Massenphänomen, mit etwas Glück schrammst Du kurz am Mainstream und in drei Jahren ist jeder sick damit.

Torsten: Ich glaube ja, die Gefahr, dass Gigposter als Massenphänomen verbrennen werden, ist gering. Wie Mario schon sagt, zuviel Arbeit, Wissen, Selbstausbeutung, ungesunde Arbeitszeiten (zumindest, wenn man das Ganze neben bzw. nach seinem Broterwerbsjob betreibt) und fragwürdige Diätvorstellungen sind im Spiel, als dass sich das für profitorientierte Einrichtungen lohnen würde. Posterserien zu kompletten Tourneen gibt es hier ja auch noch eher selten. Und selbst wenn es hier zwei, drei Stufen weiter hoch gehen sollte, zeigt der Blick in die Staaten, dass die »Stars« der Szene ja im wesentlichen Bekloppte sind wie wir, die trotzdem keine Hunderte von Dollars für einen Print nehmen können.
Wenn dann Decoder Ring Design Concern 250 USD für einen 18(!) Farbendruck von Tara McPherson nehmen, tippe ich mal, dass die froh sein können, wenn sie schliessendlich damit auf einen Burger-Brat-Stundenlohn gekommen sind.

Ron: A propos, Shows selber auf die Beine stellen. In Zürich gibt es die Konzertposter Kultur eigentlich nicht. Die meisten Clubs haben Hausinterne Grafiker die alle Poster selber gestalten. Ich habe das letzte Jahr selbst Konzerte auf die Beine gestellt. Wir hatten ein grossen leeren Keller oder besser gesagt einen grossen Garageraum unterhalb unserer Siebdruckwerkstatt. Da hab’ ich das letzte Jahr um die zwei Dutzend Konzerte unter dem Namen „Elmo Delmo“ veranstaltet und gleich die Plakate dafür gestaltet. Nun ist eine ordentliche Serie entstanden. Der Ort wurde natürlich durch das gute Lineup, aber sicher grossteils durch die wiedererkennbaren Plakate bekannt. Diese Bildsprache, die selbst gedruckten limitierten Editionen, die auch käuflich an den Konzerten zu haben waren, gab es seit den 80er in Zürich nicht mehr. Die Poster waren anders, sie stachen heraus, unter all den anderen Plakaten, die vermutlich innerhalb von 5min entworfen wurden, auf denen lediglich Bandfotos und Titel in der immer gleichen Schrift drauf sind. Die Aufmerksamkeit kann durch gute Arbeiten schnell gewonnen werden, jedoch ist der Konzertmarkt sozusagen im Arsch, da leider kein Geld für die Arbeit von Plakaten vorhanden ist. Dies habe ich durch das Organisieren von Konzerten so erlebt.

Torsten: Ach deswegen hatten die so gute Poster! Respekt, das stellt »Shows selber organisieren« gleich auf eine ganz andere Ebene. Verbandsarbeit einzufordern ist schon eine recht deutsche Sicht der Dinge.

Bernie: Genau. Den Gedanken gab es ja ansatzweise im Zusammenhang mit der Geburt der POSTERKRAUTS auch schon, das Ganze als Verein und so weiter. Würde aber letztlich nichts inhaltliches ändern, denke ich. Die ganze Gaudi lebt vom aktiven Machen und dazu gehört eben selber Poster gestalten und drucken, die Leute vor Ort zu begeistern, im Idealfall auch mal einen Club, eine Galerie für eine Ausstellung gewinnen und die Kollegen von außerhalb einladen. Dafür braucht es keinen bürokratischen Überbau, sonst sind wir am Ende die “Deutsche Gigposter Akademie” und lassen uns von Theoretikern erklären, wie wir was machen sollten.
(Anmerkung der Lektorin / Redakteurin, ihres Zeichens Kunsthistorikerin und ergo »Theoretikerin«:
Vielleicht würde ein bisschen akademische Luft gar nicht schaden… Denn umgekehrt betrachtet: wenn das (Posterkrauts) Gigposter irgendwann mal Kunstkanon werden möchte, Eure Gigposter nicht nur in Undergroundpublikationen, sondern auch in einer Dissertation auftauchen könnten – und wenn Ihr alle mal ehrlich seid und träumt, wäre das  doch schon toll, oder? – braucht’s eben auch ein bisschen Wissenschaft bei all dem Spaß.)

Antje: Ich denke auch für Presse / Online kann man das nicht genug kommunizieren und Aufmerksamkeit bekommen, das schöne ist ja auch, dass es immer gleich was zu gucken gibt.

Ausstellungen sind natürlich auch wichtig, aber da macht es dann auch nur Sinn, wenn man entsprechendes Publikum hat. Wer nur davon gehört hat, dass CDs mal gross und schwarz waren, wird auch niemals mehr als 5 Euro für ein Poster ausgeben. Aber ich glaube auch, dass es genug junge Musikliebhaber gibt, die – wie Alex schon sagte – im digitalen Musikkosmos Dinge wie Vinyl und Gigposter absolut zu schätzen wissen. Aber die sind dann natürlich auch auf den entsprechenden Veranstaltungen, wo eine Ausstellung Sinn macht. (Und selbst wenn sie noch nicht wissen, was ein Gigposter ist, lernen sie es dann dankbar.)

Bernie: Jeder von uns dürfte auch schon mal in irgendeiner Form einen Arbeitsprozess mit Fotos oder Video dokumentiert und auf die eigene Seite gestellt haben, ein paar haben wir ja sogar auf Posterkrauts.de eingestellt. Das ist, wie ich auf Grund der Reaktionen festellen kann und konnte schon auch so ein Augenöffner für Außenstehende, nach dem Motto: Oh, wow, mir war nicht bewusst, wie aufwändig das ist und wie viel Arbeit hinter so einem Poster steckt. Das trägt definitiv zu Verständnis und Wertschätzung bei und macht wiederum neugierig auf die Originale. Wenn ich mal drei, vier Minuten zuschauen konnte, wie so ein Poster entsteht, dann möchte ich das auch im Original irgendwo sehen oder vielleicht Selbst in meiner Sammlung haben.

Carlo: Das sehe ich ähnlich wie Lars. Und um seine Frage zu beantworten. Ja, wir Krauts sind da ja aufm guten weg!

 

Wie sieht es in Deinem Siebdruckstudio aus? Oder druckst Du gar fremd/lässt drucken/ nutzt den heimischen Küchentisch? Bist Du eher der Alleinherrscher über Dein Siebdruckreich oder der Kollektivmensch?

Torsten: Alex, Antje und ich sind Teile der Frappant Siebdruckgruppe, die in einer alten Kaserne in Hamburg Altona sitzt. Top Equipment, Top Leute. Allein die Auswascheinheit ist größer als das Kinderzimmer meines Sohns. Durch und mit Alex Hilfe drucken wir da seit knapp 1 /2 Jahren.
Im Kollektiv drucken ist der Weg! Erstmal hilft es ungemein, wenn einen um 3:30 morgens beim vierten Sieb echte Zweifel beschleichen, warum man sich den Scheiss eigentlich nochmal genau antut, wenn da jemand ist, der sagt, »Nicht ganz schlecht…noch n Bier dazu?«. Und zweitens ist der Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch natürlich ungeschlagen gut. Nicht jeder muss seine eigenen Fehler machen, und ich muss nicht erst Andy McDougals Siebdruckbibel wälzen, um rauszufinden, warum sich das Schwarz gerade so extrem mopsig im Sieb macht.
Ich hoffe nur, dass sich das Frappantgesamtkollektiv beim anstehenden Kauf des Gebäudes nicht komplett zerlegt und wir dann auf der Straße stehen, weil sich Kreativwirtschaft in unsere Räume gekauft hat.

Alex: Obwohl ich eine Drucksession um 3:00 Uhr Nachts nicht unbedingt brauche, aber mich immer wieder von Torsten mit Bier und Pizza ködern lasse, ist und bleibt das Kollektiv das Maß der Dinge. Das ist auch das wunderbare an diesem Gigposter Kosmos, alle machen irgendwie das gleiche und versuchen damit ihre Kröten zu verdienen, der eine mehr, der andere weniger und trotzdem pinkelt man sich nicht ans Bein. Ob es bei den Shows ist oder in der Werkstatt.
Zur Werkstatt muss ich allerdings anmerken, dass ich meine Poster tatsächlich lieber alleine drucke, auch wenn ich große Freude daran habe Freunden beim drucken zu helfen. Aber irgendwie ist da auch dieser Zen Moment wenn man die Poster alleine druckt, dieses meditative Rakel geziehe und geschiebe, Poster in den Hordenwagen, Poster raus aus dem Hordenwagen. Und die ganze Zeit läuft die Musik der Band für die das Poster gedruckt wird, ganz wichtig.

Michael: Ich drucke meine Poster nach wie vor in der Gemeinschaftswerkstatt der Atzgerei. Meistens helfen mir Freunde beim Drucken oder leisten mir emotionalen Beistand, wenn sich nach zehn Jahren Druckerfahrung immer noch Fehler einschleichen, von deren Existenz ich bisher noch nichts ahnte.

Götzilla: Wie bereits erwähnt habe ich zusammen mit einem Freund seit kurzem eine eigene Werkstatt, wir sind also das Mini-Kollektiv Antighost. Und schon jetzt kann ich sagen: zu 2 ist besser als Alleine!! Torsten hat bereits einige Gründe dafür genannt, wobei wir für Erfahrungsaustausch noch stark auf das Internet angewiesen sind, da wir beide Siebdrucktechnisch weitestgehend unerfahren sind. Wir haben aber auch außerhalb der Poster-Scene ein paar hilfreiche Kontakte zu Old-School-Siebdruckern, die immer mal weiter helfen. Und natürlich die Posterkrauts!! Torsten: Was ist Mopsig machen? Ich glaube das passiert mir auch!

Lars: Antighost ist spitze! Da seh ich uebelst Potenziel!
Ich bin eher der Siebdruckdiktator. Ab und zu lass ich mal Studenten ran, damit der kuenstlerisch begabte Nachwuchs auch mal saubere Luft ausserhalb der miefigen Zeichensäle der Hochschulen schnuppern kann. Wenn ich meine Sachen nicht mehr selber drucken koennte, wuerde ich sofort aufhoeren Poster zu machen. Das ist der noetige Ausgleich zu dem ganzen verkopften Gemache mit den Stiften.

Götzilla: Danke Lars! Ich auch, wenn wir das mit dem Belichten mal vernünftig hinbekommen, das gehört aber vielleicht eher in ein Hilfe-Forum…

Michael: Mir wurde noch nie ein Sieb gemopst. Ich sperr’ meine immer im Schrank ein.

Torsten: Trotz des Einsatzes von gefühlten 2 Litern Verzögerer wird die Farbe dann doch überraschend schnell dick im Sieb…

Alex: Das meint Torsten mit “mopsig”.

Lars: Du nimmst den falschen Verzögerer… die braune Flasche war es naemlich nicht.

Bernie: Au Backe, Torsten: Lars hat Recht! Finger vom Astra beim drucken

Torsten: Finger weg vom Astra, soweit bin ich bei euch…

Euch ist schon klar, dass der ganze Quatsch hier von Frau Magister eisern rauseditiert wird, oder?

Bernie: Susi, lass drin!

Mario: Für sowas habe ich meinen Bruder, der viele externe Auftragsarbeiten, Plattencover, Shirts etc., druckt und ganz klar der Techniker ist! Während ich Bier trinke, sucht, findet und merzt Timo Fehler aus, sorgt dafür das niemand mopsig wird und gibt sich erst mit einem Druck zufrieden der super ist.

Torsten: Die Arbeitsteilung gefällt mir sehr gut!

Antje: Wie Torsten ja schon erwähnt hat, drucken wir neuerdings selbst im Frappant – an der Stelle nochmal ein Riesendankeschön an Alex, der es mir mit viel Geduld gezeigt hat und oft noch daneben stand, um mir mopsige Angelegenheiten zu ersparen – gerne noch 87 cm entfernt am nächsten Tisch Torsten mit oranger Schürze – der aussah wie geteert, aber noch nicht gefedert.

Torsten: Gefedert und nicht geteert, §/$?(% Deckweiss!

Antje: Ich weiss nicht, wie oft ich schon nachts um 1.30h geschimpft habe, wie sehr ich drucken hasse, aber am Ende war ich dann doch total glücklich und es ist natürlich noch viel schöner, das selbst ausgedacht auch später per Hand auf Papier zu bringen und hat noch einen ganz anderen Wert, wenn die Leute es dann kaufen. Ich habe vorher meine Poster von einer Hamburger Siebdruckerin drucken lassen. Ab und zu druckt sie auch noch Poster von mir, was aus Zeitmangel dann einfach nicht anders geht und an ganz fuchsige Motive trau ich mich auch noch nicht ganz ran. Gerade Vorgestern habe ich aber das erste Mal komplett ohne Alex Beistand gedruckt und konnte mit Freude feststellen, dass das ziemlich gut geklappt hat und er Recht damit hatte, dass jedes Poster und die Übung enorme Fortschritte mit sich bringen. Gott sei Dank!

Alex: Antje und Torsten haben da tatsächlich Siebenmeilenstiefel an, ich glaube ich hatte nicht so schnell brauchbare Ergebnisse. Aber dafür hab ich mich nicht so eingesaut.

Bernie: Ich hab ja noch während meines Studiums (Malerei & Grafik, Kunstakademie München) peu a peu angefangen, mir meine eigene kleine Werkstatt einzurichten, so ab 2005 etwa. Ganz rudimentär mit Tischplatte auf Böcken zum drucken, Regalfächer zum ablegen der Plattencover oder Plakate, eine Rakel. Nach und nach kamen dann ein etwas besserer Tisch, eine eigene Glasplatte und ein Gesichtsbräuner zum Siebe belichten dazu. Und das ist am Siebdruck ja auch das Geile: Du kannst mit völlig einfachen Mitteln zuhause am Küchentisch anfangen. Und irgendwann, wenns weiter bockt und mehr Platz und mehr Arbeit vorhanden sind, hast Du zwei Hordenwägen, einen selbstgebauten Vakuumtisch, einen Halbautomaten, komplette Belichtungseinheit und so weiter rumstehen.

Torsten: Heissen die Teile echt Hordenwagen?

Bernie: Oder Trockenhorde.

Torsten: Ich glaub, Fritte und ich haben unseren neuen Namen gefunden.

Bernie: “Die Trockenhorde” – das nimmt euch keiner ab.

Antje: Hahahahaha!

Bernie: Aber allein deshalb macht Siebdruck doch soviel Spaß: wegen der tollen Namen!
Wir drucken mit der (weiblich) RAKEL (auf Englisch sogar SQUEEGEE, wegen des Geräusches), legen das DRUCKGUT in die TROCKENHORDE und wenn das Sieb mal reißt, müssen wir nur dafür sorgen, das die neue GAZE die richtige MESH besitzt. Ach.

Antje: A pro pos TROCKENHORDE, das SHIT Teil hat mir vorgestern Nacht grosse Macken in meine fresh geprinteten Gigposter gemasht. Das nenn ich mal n FUCK UP. (ok, es war doch nicht alles toll!)

Lars: Die POSTERKRAUTS sind aber alles andere als ne trockene Horde

Antje: Danke Lars, den Kommentar hab ich mir gestern Nacht verkniffen!

Carlo: Ich habe leider keine eigene Werkstatt und muss deshalb immer das nehmen was gerade geht. Ich musste schon auf einer alten Holztür mit Sprühkleber anstatt Vakuum drucken. Und mich in die voll ausgestatteten Werkstätten der Kunsthochschule ein mogeln. Mein nächstes Gigposter lasse ich komplett fremd drucken. Fast jedes Poster ist bisher woanders gedruckt wurden. Eine Alleinherrschaft find ich aber durch aus anstrebenswert.

 

Was steht an? Welche Projekte würdest Du gerne verwirklichen (gerne utopisch/weit vorausgedacht)? Wollt ihr das in 10 Jahren immer noch machen?

Michael: Vor kurzem hab ich die Arbeit an einem 48seitigen Comic names „Steroid Max“ abgeschlossen, welches ich demnächst veröffentlichen möchte. In punkto Gigposter gibt es da einige Bands für die ich in den kommenden zehn Jahren hoffentlich ein Poster machen werde. Wie zB. Anthrax, High On Fire oder Sleep. Um nur ein paar davon zu nennen.

Götzilla: Wir drucken in den nächsten Tagen unseren ersten „richtigen“ Auftrag, das Plattencover der neuen Loaded Single in 300er Auflage. Das ist in sofern spannend, da man hier halt nicht einfach sagen kann: „war nix, egal!“. Weil da eben 300 Vinyl Platten. Naja irgendwann muss man ja mal ins kalte Wasser springen, das klappt schon – Sind nur 3 Farben, hahaha!
In 10 Jahren? Klar, dann will ich das meinem Sohnemann beibringen. Mein Vater hatte in den 60ern eine Siebdruckwerkstatt, es muss also mindestens über 3 Generationen weiter gehen!

Torsten: Sehr gut! Der Generationswechsel steht bei den Krauses bestimmt auch bald ins Haus. Meiner fragt auch schon, was ich denn da so lange machen würde.
Ich würde gerne mal eine Serie für eine Band/einen Künstler machen, so wie Tuffy das für St. Vincent gemacht hat.

Mario: Mir macht das ungeheuren Spass, da es das ultimative Ergebnis eines Illustrationsprozesses ist. Bildchen malen werde ich in 10 Jahren sicherlich noch, also auch siebdrucken.

Ron: Plattencovers gestalten und gleich drucken oh ja!

Antje: Ich lasse mich überraschen. Im Moment bin ich extrem zufrieden und habe noch einige Poster bis Ende des Jahren, auf die ich mich sehr freue. Und dann mal sehen, was 2015 passiert. In erster Linie möchte ich möglichst viel selber drucken und hoffe, dass ich in 2 Jahren (nich in 10!) für 4 Farben so lange brauche, wie heute für 2.

Bernie: Mal sehen. Für dieses Jahr noch ein paar wenige Gigposter, ein paar Auftragsarbeiten, sowohl Gestaltung als auch Siebdruck allerdings keine Gigposter. Und dann möchte ich nach FLATSTOCK Hamburg und COLORED GIGS meinen neuen Halbautomaten einweihen: es warten LP-Cover in einer Auflage von 2000 Stück und mit vier Farben darauf, gedruckt zu werden. Da bin ich echt froh, dass nach hochgerechneten 80.000 Handrakel-Bewegungen in 13 Jahren die leicht maschinelle Unterstützung Einzug halten wird. Damit ich auch in zehn Jahren noch das ein oder andere Gigposter in kleiner Auflage von Hand drucken kann…

Lars: Ich plane eine Tankstelle direkt auf der Reeperbahn, oder ich werde Bierbrauer. Das haette ich ohnehin schon lange machen sollen, haette ich viel geld gespart. Raketentester oder Moench… ich koennte mir so einiges vorstellen. Aber wahrscheinlich mach ich in 10 Jahren Gigposter fuer die Heavy Metal Band meines Sohnes – deren Rechte ich mir schon jetzt gesichert habe.
(Mönch…ich glaub, es hackt… Anmerkung der Editorin)

Bernie: Sehr gewieft, Frau Krause. Nee, ich denke für uns alle gibt es kein zurück. Es wird ja doch auch immer noch interessanter, durch die Kontakte und Erfahrungen, die man über die Zeit macht. Und das trägt dann über die Kontinuität als Folge auch die Früchtchen.

Torsten: In der Tat: Man bringt zwei Dinge zusammen, die man eh liebt, Kunst und Musik, kommt dabei in der Weltgeschichte herum, refinanziert sich einigermassen und lernt dabei auch noch ohne Ende gute Leute kennen. Wie super ist das denn wohl?

Bernie: Am Ende des Tages können wir für oder mit mit Leuten zusammenarbeiten, deren Mucke wir zuhause hören oder sogar schon vor 20 Jahren bewundert haben. Unschlagbar!

Alex: Ich denke so lange uns allen nicht die Hände abfallen werden wir das wohl weitermachen. Den ich nehme mal an, dass es auch in 10 Jahren noch Bands geben wird die Konzerte spielen. Es müssen ja auch nicht immer Rockposter sein. Ich hab ja mal eine Reihe Poster für klassische Musik gemacht, das lief ganz gut und die ganzen betagten Damen und Heeren haben auch etwas Kohle. Nur kann man die Gestaltung nicht mit den Künstlern absprechen, weil die alle schon tot sind. Aber auch Plakate für’s Theater wären mal wieder was. In den USA gibt’s ja eine Weile den Trend Fernsehshows und Kinofilme zu bepostern, das könnten wir hier auch mal rüberschwappen lassen.
Ansonsten freue ich mich auch schon darauf wenn Torstens Sohn und meine Tochter die Siebdruckwerkstatt leiten werden, wir auf der Couch sitzen und weise Ratschläge in unser Bier murmeln.

Torsten: Bevor der undankbare Nachwuchs unseren Bufdis zu verstehen gibt, dass die alten Zauseln zum Lüften mal vor die Tür gebracht werden könnten!
Bin nach wie vor skeptisch, was die Filmposter betrifft. Da ist ein so inflationärer Markt, wo man sich mit Millionen von StarWars Referenzen rumschlagen muß, und ernsthaft, wer braucht eine weitere »Darth Vader in total crazy anderen Zusamenhängen« Illu. Das zeigt auch das andere Problem an, was ich damit habe: Filme sind per se visuell ausformuliert und geben einem als Artist viel weniger Raum, mit eigenen Bildideen zu kommen.

Bernie: Ich bin auch eher auf Kriegsfuß mit diesen Film-Referenzen. Das platscht in meinen Augen komplett in ne Richtung “Fankunst”, eine Ecke die wir im Bereich Gigposter eigentlich ganz bewusst vermeiden. Eine Siebdruck-Interpretation zu PULP FICTION oder STAR WARS ist auch nichts anderes als ein BEATLES- oder LED ZEPPELIN-Bootleg. Da hab ich dann nich so das Bedürfnis, das hundertste BREAKING BAD-Plakat auf einem Filmstill basierend zu drucken, nur um mein Portfolio gewinnbringend zu füllen. Dann lieber eigene, freie Gestaltung, ohne Bezug. Der ursprünglichen Gigposter-Idee und somit auch dem “ eigenen Markt” tut man damit glaube ich keinen Gefallen.

Hannes: Wie wärs denn mal mit einem klassischen Theaterplakat? Das ist ja auch ne Welt für sich. In Deutschland können wir da ja auf eine beachtliche Tradition zurück blicken.
Helden wie Volker Pfüller, Frieder Grindler oder Henning Wagenbreth und ATAK legen da die Latte auch beachtlich hoch. Ist das vielleicht auch ein Grund warum man sich auf die Visualisierung von Musik beschränkt? Oder sind die goldenen Zeiten des deutschen Theaters tatsächlich einfach vorbei?

Bernie: Das kann ich mir dann auch noch eher vorstellen, einserseits weil ich glaube hier auch auf ein Publikum zu treffen, das für so eine künstlerische Darstellungsform offen ist und sich begeistern lässt, zum anderen weil hier der gleiche Ursprungsgedanke wie bei Gigpostern zu Grunde liegt: die kunstvoll gestaltete Ankündigung einer Kulturveranstaltung.

Alex: Was ist denn jetzt anders an „Fankunst“ und Gigpostern? Ich bin im Idealfall Fan der Band, also mag deren Musik und die Fans sollen sich davon angesprochen fühlen. Ob jetzt als Ankündigungsplakat oder auch als Devotionalie. Und habt ihr euch mal die Filmposter von Joris Diks angeschaut, die haben nix mit einem Bootleg zu tun, sondern sind völlige Neuinterpretationen. So wie es langweilige und uninspirierende Filmposter gibt gibt es das auch im Bereich der Gigposter, da muss man jetzt auch nicht alles golden malen. Ich sehe da keinen Unterschied bei den Richtungen, es bleiben Poster für kulturelle Ereignisse und da schmeiße ich Lesungen, Konzerte, Filme, Theater, Opern, Performance…alles in einen Hut. Lieg ich da so falsch?

Bernie: Na, für mich ist der Unterschied oder die Abgrenzung die, dass mir keiner weißmachen braucht, dass diese Unmengen von Plakaten für ehemalige Mainstream- oder auch Underground-Blockbuster offiziell oder authorisiert sind. Genausowenig, wie wenn sich jemand hinstellt und Bootleg-Gigposter macht, nur weil die Band gerade angesagt ist oder es vor 20, 30 Jahren war. Dann hab ich einfach nur “Fan-Art” produziert, ein Produkt, das vielleicht schon auch ansprechend ausschaut, aber von dem ich in erster Linie erwarte, dass ich es gut und sicher verkloppen kann, weil es dafür schon eine Zielgruppe gibt.

Alex: Da gebe ich dir völlig recht, aber Joris macht die Poster für ein kleines Programm Kino in Utrecht. Ist für mich nichts anderes als die Anfrage von einem Promoter für eine Show. Und das es Unmengen an Kino Poster-Bootlegs gibt ist auch kein Rätsel, ist eben fancy was für Star Wars zu machen und nicht für eine Band wie MATT POND PA. Wenn ein Poster authorisiert wurde, steht es für mich auf gleicher Stufe. Und Bootlegs bleiben Bootlegs.

Bernie: Da bildet Joris aber auch eine Ausnahme, weil er eben nicht die sichere Variante und ein wiederkennbares Bild aus dem Film in Siebdruck darstellt, sondern eben seine eigene künstlerische Interpretation davon. Wir nehmen ja auch nicht das Cover der neuen NOTWIST- oder BEATSTEAKS-Platte als Vorlage und bilden das 1:1 als Siebdruck ab, nur weil die Zielgruppe das Motiv wiedererkennt. Das brauch ich nicht und dann braucht uns Gigposter-Künstler auch niemand. Und so geht’s mir halt auch mit den anderen Sachen.

Alex: Vielleicht braucht man uns da gerade, weil die Neuinterpretationen fehlen. Bloss weil es da mehr schwarze Schafe gibt würde ich den Bereich nicht ausschließen. Ich finde das Feld spannend und sehe das nicht als Portfolioaufbesserung sondern würde den gleichen Weg gehen wie bei Gigpostern.

Carlo: Bei mir stehen dieses Jahr auch noch zwei, drei Poster und die eine oder andere Auftragsarbeit auf dem Plan… Der Herr Hacker hatte ja schon die Ehre an einer Mondo Ausstellung teil zu nehmen. Ich selbst sehe mich noch weit davon entfernt. Aber in den nächsten 10 Jahren bin ich bestimmt auch soweit!